Rezension: Piratinnen

Krisi Schoellkopf | Sonntag, 24. April 2016 |
Rezension: Piratinnen


Titel: Piratinnen - Das ruchlose Leben der Anna Zollinger
Autor: Piero Schäfer
Verlag: Novum - Verlag
Genre: Historischer Roman
Seiten: 294 (gebundene Ausgabe)
Erscheinungsdatum: 22. Juni 2015
Preis: 22,30 Euro (gebundene Ausgabe), 13,99 Euro (E-Book)


Inhalt:

Anna Zollinger wächst zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Tochter eines Seidenhändlers am Zürichsee auf. Sie ist rebellisch und unbeugsam. Ihre Stiefmutter schickt sie ins Kloster nach Rüti, wo sie abscheuliche Dinge erlebt und den Glauben verliert. Sie brennt mit einem deutschen Pilger durch, der aus Eifersucht einen Reisläufer erschlägt und fliehen muss. Anna trifft auf die attraktive Dirne Brida, mit der sie zusammen lebt und erste Diebeszüge unternimmt. Die beiden begegnen einer Fischerstochter, mit deren Boot sie auf dem Zürichsee Handelsschiffe überfallen. Eines Tages entern sie ein Boot, das sie bereits einmal überfallen hatten. Dessen Besatzung erkennt die Frauen, und es kommt zu einem tödlichen Handgemenge. Es sollte nicht das letzte gewesen sein. (amazon)

Über den Autor: 

Piero Schäfer wurde 1944 geboren und wohnt in Zürich. Schäfer ist seit 40 Jahren als Journalist tätig. Der Sohn einer Sängerin und eines Arztes ist im Tessin aufgewachsen und studierte in Zürich Jura. 1977 trat er in den Journalismus ein und arbeitete bei der NZZ und diversen anderen Medien. 1990 machte er sich mit einem Büro für Publizistik und Kommunikationsberatung selbstständig. Sein erstes Buch "Falkenschloss" erschien im Herbst 2012.
(Piratinnen)

Meinung:

"Die zwei sind verschieden wie Tag und Nacht und ich fürchte, die Unterschiedlichkeit wird sich nicht im Alltäglichen erschöpfen, sondern sich auf den Charakter und das gesamte Leben der Menschenkinder auswirken." (Piratinnen, S.38)
So werden die beiden Schwestern Beata und Anna in den ersten Seiten des Romans "Piratinnen" von Piero Schäfer beschrieben.
Im Roman verfolgt man hauptsächlich Annas Geschichte und wie ich jetzt schon verraten kann, steckt ihr Leben voller Überraschungen...

Das Cover des historischen Romans ist wunderschön. Es zeigt eine Fotografie eines Sees, bei teils rot gefärbtem Himmel, welcher von Bäumen und Gräsern umringt ist. Wer das Buch kennt, kann sich Teile des Geschehens sehr schön an diesem Ort vorstellen, obwohl dieser auf dem Cover friedlich und idyllisch dargestellt ist.

Der Roman beschäftigt sich, wie oben beschrieben, vorwiegend mit dem Leben der jungen Anna, welche durch eine schreckliche Stiefmutter in einem Kloster landet, in welchem sie die Hölle auf Erden erlebt. Nur durch die Hilfe eines Pilgers konnte sie fliehen, jedoch rennt sie mehr und mehr in ihr Unglück, ohne es selbst zu realisieren. Als sie sich mit einer Prostituierten, die Annas Geliebte wird, Brida Süß, auf Beutezug begibt, um ihr Überleben zu sichern, verstrickt sie sich immer mehr in Untaten, für die sie am Ende bezahlen muss...

Die Personen im Roman sind sehr unterschiedlich und trotzdem, ist jeder einzelne Charakter überzeugend.
"Anna war schön wie eine Rose, Beata war eine ebenso schöne Blume, doch im Gegensatz zu Anna hatte sie keine Dornen." (Piratinnen, S.200)
Dies bringt das Leben der ungleichen Schwestern auf den Punkt. Obwohl sie so verschieden sind, die eine lieb und artig, die andere skrupellos und abgehärtet, kann man sich in jede hineinversetzen und ihre Handlungen und Gefühle sehr gut verstehen.
Auch Linart (Annas und Beatas Vater), die Prostituierte Brida, ihre Freundin Agatha, Anton (ein Pilger) und viele mehr scheinen so perfekt in die Story zu passen, dass man sich für jede ihrer Geschichten interessiert, die sich am Ende ineinander verweben. 

Die Sprache im Roman ist abwechslungsreich und authentisch. Einerseits findet der Leser sich konfrontiert mit Ausdrücken, wie "amourös", "maliziös" und "enervieren", andererseits ist die Ausdrucksweise so fließend und angenehm, dass man das Buch, so wie ich es getan habe, in zwei Tagen verschlingen kann.
Piero Schäfer ist wortgewandt und kann den Leser für tolle Satzkonstruktionen und rhetorische Sprachweisen begeistern.
Man vergisst nicht einen Moment, dass man sich im 16. Jahrhundert befindet.

"Piratinnen" hat mich sehr positiv überrascht. Der Roman verbindet Historisches mit Fantasie und beleuchtet viele wichtige Aspekte der damaligen Zeit. Auf der einen Seite spielt die Rolle der Frau im Spätmittelalter eine große Rolle, auf der anderen Seite, die der Kirche und der Kritik an den Klöstern, welche die Gesellschaft, die von der Pest heimgesucht und immer ärmer wird, ausnimmt.
Ebenso verfolgt der Leser das Schicksal von vergewaltigten Frauen und der Sexualität im Allgemeinen.
All dies erfährt man in einer Welt voller geografischer Genauigkeit. Ortschaften, Gasthäuser und Wege werden so real beschrieben, dass ich mir gar nicht vorstellen möchte, wie viel Recherche und Arbeit Herr Schäfer in dieses Buch gesteckt hat, denn auch die historischen Genauigkeiten sind atemberaubend.

Beim Aufbau des Buches ist die Verstrickung der Geschichten zu bemerken. Der Leser verfolgt, meist abwechselnd, das Leben verschiedener Personen, einige davon habe ich oben schon aufgelistet. Dennoch landet man am Ende wieder bei Anna und ihrem Schicksal, jedoch wird das Leben der Personen, von welchen sich Anna trennen muss, nicht außer Acht gelassen, sondern in den Roman integriert. Dies hat mir persönlich sehr gefallen, da ich mich beim Lesen eher in Charakteren verliere, als in der Geschichte selbst. 
Auch haben mich die Ausblicke am Ende der Kapitel begeistert, da sie neugierig machen und man so kaum darauf warten kann, umzublättern, hier ein Beispiel:
"Dass ihre Zusage ihm zuerst viel Freude, dann aber noch mehr Verdruss, Kummer und Ärger bescheren würde, wusste er an diesem glücklichen Tag im Sommer 1504 noch nicht."
(Piratinnen, S.49)

Ein Highlight im Roman war die Geschichte von Agathas Vater, Eberhart Petermann, da sie zeigt, wie sich Menschen aufgrund von Reichtum verändern und für mich war es eine sehr lehrreiche Geschichte. 
Was mich an "Piratinnen" am meisten geschockt, aber auch beeindruckt hat, war Elfriedes Schicksal. Ich möchte Euch noch nicht zu viel verraten, aber so viel kann ich sagen: Ihr widerfährt ein fürchterliches Schicksal. Gerade mich als Frau, hat ihr Schicksal wirklich berührt. Ich habe auch nach Beendigung des Buches noch lange über sie nachgedacht, warum genau, kann ich nicht erklären, aber für mich war sie die ausdrucksstärkste Person im Roman.

Fazit:

Ich bin noch immer beeindruckt von "Piratinnen" und muss sagen, dass es das beste Buch ist, welches Geschichte mit einer tollen Handlung verbindet, das ich je gelesen habe.
Aus all diesen Gründen vergebe ich:



Ich möchte mich an dieser Stelle bei Herrn Piero Schäfer und "Literaturtest" für das Rezensionsexemplar bedanken.


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