Autoreninterview mit Susanne Gavénis

Krisi Schoellkopf | Montag, 20. Juni 2016 |

Heute darf ich Euch ein Interview mit der tollen Autorin Susanne Gavénis vorstellen! Ich möchte mich ganz herzlich bei Susanne für das tolle Gespräch bedanken, ich hatte noch nie so viel Spaß bei einem Autoreninterview!
Viel Spaß beim Lesen.


(Quelle:susanne-gavenis.de)


1. Hat Dich ein Ereignis/ein Buch zum Schreiben gebracht?

Mhm. Die erste Antwort, die mir (und vermutlich 99% aller Autoren, die sich selbst in einem Interview darstellen dürfen) bei dieser Frage in den Sinn kommt, ist natürlich: “Ich habe schon immer geschrieben, seit ich denken kann, und die ersten Worte, die ich gesprochen habe, waren nicht: “Mama” oder “Papa” oder “Susi will Keks!”, sondern “Es war einmal ein König, der hatte drei wunderschöne Töchter …”.Das klingt gut, macht mächtig Eindruck, und (abzüglich einer gewissen künstlerischen Freiheit) ist es sogar – fast - die Wahrheit.
Zwar hatte ich nicht schon als Dreijährige den unüberwindlichen Drang, meine verworrenen Gedanken für die Nachwelt zu verewigen (zu dieser Zeit waren mir meine Buntstifte und mein Bussi Bär-Heft noch wichtiger), aber ich weiß noch, dass ich es bereits als Vorschul-Kind geliebt habe, mir verregnete Nachmittage mit Märchen-Hörspielen zu versüßen. Die kleine Meerjungfrau, das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Die sieben Schwäne und all die anderen Märchen waren ein untrennbarer Teil meiner Kindheit, und ich denke, dass dadurch der Grundstein für meine spätere Affinität für Fantasy-Romane gelegt wurde.
Bei meiner ebenfalls sehr großen Liebe zur Science Fiction fällt es mir dagegen nicht so leicht, ein bestimmtes biographisches Erlebnis als Ursache auszumachen. Tatsache ist, dass mir bereits in der ersten Klasse in der Grundschule der Weltraum wichtiger war als die schnöde Erdoberfläche, und während die anderen Kinder in meiner Klasse Hunde und Katzen und Papis Auto in rustikaler Kartoffeldruck-Manier aufs Papier zauberten, habe ich mit meiner Kartoffel stattdessen das Planetensystem darzustellen versucht. Die anderen fanden das schräg, ich hingegen ganz normal (warum auch immer).
Diese Ausrichtung hin zu fernen Welten erlebte einen enormen Aufschwung, als in den 1970er Jahren zum ersten Mal “Raumschiff Enterprise” im Fernsehen lief und ich vor jeder Folge nachts vor Aufregung nicht mehr richtig schlafen konnte. In dieser Zeit waren die Märchen meiner Vorschul-Zeit für mich erst einmal ziemlich abgemeldet, und schnittige Raumschiffe, exotische Planeten und bizarre Aliens nahmen ihre Plätze ein. Bis zu diesem Moment hatte ich aber nie daran gedacht, selbst einmal Geschichten zu schreiben. Ich liebte es, in die Geschichten anderer einzutauchen, und war zufrieden damit.
Ein – wenn man es denn so nennen will – Initialereignis, das diese Selbstgenügsamkeit durchbrochen hat, waren die Spielenachmittage mit meiner damaligen besten Freundin, die wir – da sie selbst mit Science Fiction leider überhaupt gar nichts anfangen konnte – meist damit verbrachten, uns Geschichten mit dem guten alten Zorro auszudenken, der damals in der mittlerweile wohl fast antiken “Western von Gestern”-Serie (kennt die eigentlich noch jemand?) des öfteren im Fernsehen zu sehen war. Dies endete in der Regel damit, dass ich erzählte und sie zuhörte, und allmählich merkte ich, dass es mir richtig Spaß machte, spontan solche Geschichten zum Besten zu geben. Irgendwann hatte der arme Zorro dann für mich ausgedient, und ich wandte meine Kreativität in die Richtung, die mir ohnehin viel mehr entgegenkam – der Science Fiction. Als dann Ende der 1970er der erste “Star Wars”-Film in die Kinos kam, war es endgültig um mich geschehen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die allerersten Geschichten, die ich geschrieben habe, sehr stark von Star Wars inspiriert waren, und eigentlich hätten alle Hauptfiguren in diesen Geschichten “Luke Skywalker” heißen können.
Vermutlich ist es folgerichtig, dass es schließlich eine Science Fiction-Autorin, die gleichzeitig auch Fantasy schrieb, geschafft hat, mich von meiner starken Ausrichtung auf die SF wieder zur Fantasy zurückzubringen. Nach jahrelangen, nahezu ausschließlichen Streifzügen durch die Gefilde des Weltalls fiel mir mit zwölf oder dreizehn Jahren C.J.Cherryhs Morgaine-Trilogie in die Hände, und obwohl ich damals bei Weitem nicht alles von der Geschichte verstanden habe, war ich sofort fasziniert von der intellektuellen Schärfe, die in Cherryhs Art, Fantasy zu schreiben, zum Ausdruck kam. Mir ging auf, dass der Froschkönig, das Rotkäppchen und Frau Holle, die mich durch meine frühe Kindheit begleitet hatten, nicht der Weisheit letzter Schluss sein mussten, sondern dass es daneben sozusagen Märchen für Erwachsene gab, in denen die alten Märchen-Motive in richtig guten, spannenden Geschichten einen für mich ausgesprochen reizvollen Ausdruck fanden. Seitdem hat mein Herz als Autorin stets für beide Genres geschlagen, der Science Fiction UND der Fantasy – wobei ich zugeben muss, dass es erheblich leichter ist, Fantasy zu schreiben (was näher auszuführen an dieser Stelle leider zu weit führen würde, oder es würde am Ende ein zehnseitiger Vortrag dabei herauskommen, der den einen oder anderen Leser dieses Interviews vielleicht doch ein klein wenig ermüden könnte).

2. Wie beginnst Du das Schreiben eines Romans?
Mit einer Tasse Tee. Ansonsten – wenn sich deine Frage doch auf etwas anderes bezogen haben sollte – gibt es in konzeptioneller Hinsicht eine klare Marschroute, die ich im Grunde bei allen meinen Romanen einhalte, auch wenn die Geschichten und die jeweiligen Hauptfiguren ja sehr unterschiedlich sind. Unabhängig von der ganzen Planungsphase im Vorfeld, wo eine Menge Dinge wie z.B.der Charakter des Protagonisten, sein Geschlecht, die Art seines zentralen Konflikts, seine psychologische Veränderung im Verlauf der Handlung, wichtige Nebenfiguren, das geographische und soziale Setting der Geschichte und ebenfalls bereits das eine oder andere zentrale Ereignis der Story durchdacht werden müssen, beginne ich jeden Roman ganz konkret damit, zunächst einmal den grundlegenden Konflikt-Rahmen aufzuspannen, in dem sich meine Hauptfigur später bewegen wird. Dies kann entweder mit Hilfe eines zeitlich vor der eigentlichen Handlung angesiedelten Prologs geschehen, wie z.B. in “Shai’lanhal”, im “Wächter des Elfenhains” und der Gwailor-Chronik, wenn dieser Rahmen durch Ereignisse ins Leben gerufen wird, über die der Protagonist keine Kenntnis haben kann, die ihn aber im Verlauf der Handlung massiv beeinflussen werden, oder – wie im Gambler-Zyklus und ein paar meiner übrigen Geschichten, die zwar schon fertig geschrieben, aber noch nicht überarbeitet worden sind - , indem ich sofort mit der ersten Szene des Romans meine Hauptfigur einführe.
Diese Szene dient dazu, den Protagonisten mit seinem zentralen Konflikt vorzustellen und dem Leser zu zeigen, mit was für inneren und äußeren Problemen sich die Figur im Folgenden herumschlagen muss. In der Regel benutze ich hierzu eine Szene mit einer relativ schlichten Alltagssituation für meine Figur, die aber gleichwohl sehr stark auf ihren jeweiligen Konflikt abgestimmt ist und dem Leser bereits ein Gefühl dafür vermitteln soll, wo die psychologischen Einschränkungen und Schwächen meines Protagonisten liegen und in welchen Lebensbereichen er kämpfen und sich entwickeln muss. Sind diese ersten Szenen – also entweder der Prolog oder die erste Szene mit meiner Hauptfigur – geschrieben, habe ich sozusagen einen wichtigen Pflock eingeschlagen, von dem aus sich alles weitere Schritt für Schritt ergibt.

3. Woher nimmst Du die Ideen für Deine Romane?
Die klassische Frage für jeden Autor! Manche Ideen oder zumindest die ersten Kristallisationskeime davon entstehen, wenn ich mir Filme oder Serien im Fernsehen anschaue, Bücher lese, oder auch durch bestimmte Liedzeilen, die ich im Radio höre. Die Idee für meinen Gambler-Zyklus, in dem es zum einen um biologisch-evolutionär weiterentwickelte Menschen und zum anderen um die Abwehr einer Alien-Invasion geht, entstand zum Beispiel auf eine recht putzige Weise, und zwar, als ich mir einmal eine alte “Saber Rider”-Folge im Fernsehen angeschaut habe. Für alle, die Saber Rider nicht kennen: Das war eine japanische Anime-Serie um einen (SEHR japanisch!) Riesenroboter, der von einem Team aus vier oder fünf Personen in seinem Inneren gesteuert wurde. Beim Anschauen dieser Folge fragte ich mich plötzlich, wie es wäre, wenn eine Bedrohung den unbedingten Zusammenhalt dieses Teams erforderlich machen würde und es aus bestimmten Gründen stattdessen zu einem inneren Zerwürfnis käme. Aus dieser Frage entwickelte sich schließlich die Idee der Gambler, die aufgrund ihrer überlegenen Fähigkeiten gesellschaftlich isoliert und angefeindet werden, und der Alien-Invasion, deren Abwehr die Mitwirkung gerade dieser Gambler zwingend erforderlich macht.
Auch bei der Grundidee für “Shai’lanhal” standen japanische Animes Pate. Bei vielen Animes spielt ja das Motiv des “unbekannten Beschützers” eine große Rolle, etwa bei einstmals so populären Anime-Serien wie “Sailor Moon” oder “Wedding Peach”, in denen die (mehr oder weniger trottelig-unbedarfte) Protagonistin von einem geheimnisvollen, maskierten Helden in schöner Regelmäßigkeit aus brenzligen Situationen gerettet wird. Hier hatte ich plötzlich die Idee, wie es wäre, eine solche Geschichte nicht aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur, die ständig beschützt werden muss, zu erzählen, sondern aus der des unbekannten Beschützers im Hintergrund. Auf diese Weise wurden Shaan und Deleja geboren.
Bei “Shai’lanhal” zeigt sich darüber hinaus ein weiterer Weg, auf dem ich zu meinen Ideen komme. Manche Romane entstehen, indem ich von einem Grundkonflikt ausgehe, den meine Hauptfigur haben soll, und mich frage, welche Art von Rahmenhandlung diesen Grundkonflikt am besten zur Geltung bringen würde. Bei “Shai’lanhal” z.B. hat mich nicht nur das Motiv des unbekannten Beschützers gereizt, sondern zugleich auch die Frage, wie es wäre, zwar einen solchen geheimnisvollen Retter in letzter Sekunde zur Hand zu haben, dieser allerdings kein strahlender Held wäre, sondern ein armer Bub, der unter der Last seiner Ängste und Selbstzweifel schier niedergedrückt wird und der Letzte wäre, der sich eine solche Aufgabe aus eigenem Antrieb auferlegt hätte. Der Grundkonflikt für meinen Protagonisten war also in “Shai’lanhal” ein massives Minderwertigkeitsgefühl, und indem ich diesen inneren Konflikt mit einer äußeren Rahmenhandlung zusammengebracht habe, die meinen Helden im Grunde in jeder Szene des Buches mit der Nase auf seine Ängste und Zweifel stößt, habe ich aus diesem speziellen Konflikt das Intensivste herausgeholt, das mir möglich war. Ein anderer oder weniger starker Grundkonflikt für meine Hauptfigur hätte in meinen Augen einfach nicht so gut zu dem von mir gewählten Setting gepasst.
Die Gwailor-Chronik wiederum ist aus meinem Überdruss gegen eine bestimmte Spielart der Fantasy-Literatur entstanden, wo die Helden am Anfang der Geschichte von einem Orakel oder sonstwem eine Prophezeiung aufs Auge gedrückt bekommen (nach dem Motto: “Du bist der Auserwählte, der dereinst dazu berufen ist, den finsteren Gott xy zu erschlagen und die Welt zu retten”) und dann den Rest der (oft mehrere tausend Seiten langen) Handlung damit zubringen, von einem Ort der Welt zum anderen zu wandern, ihnen vorhergesagte Dinge zu tun und Getreue um sich zu scharen, die sie laut der Prophezeiung um sich scharen sollen. Dieses Abarbeiten einer lediglich äußeren Aufgabe durch den Helden fand ich irgendwann langweilig und ermüdend, und in mir wuchs die Frage, wie es wäre, von einer solchen Prophezeiung bis ins tiefste Innere seiner Persönlichkeit durchdrungen zu werden und keine Möglichkeit zu haben, sich davon in irgendeiner Form zu distanzieren oder sich ihrer zu entledigen. So entstand die Figur von Prinz Dayin, dem bei seiner Geburt vorausgesagt wird, dass er als junger Mann seinen Vater hinterrücks ermorden wird.
Das ist natürlich im Kern keine wirklich neue Idee, und viele werden sofort an Ödipus denken, allerdings interessierte mich bei meiner Geschichte mehr die psychologische Dimension einer derartigen Prophezeiung und nicht das unpersönliche Wirken eines abstrakten und unbarmherzigen Schicksals, wie es in Sophokles’ Tragödie der Fall ist. Auch bei Prinz Dayin stellte sich – ebenso wie bei Shaan aus “Shai’lanhal” - die Frage, welche Art von Persönlichkeit und innerem Konflikt des Protagonisten für dieses spezielle Szenario am besten geeignet wäre, und so wie Shaan musste auch Dayin ein zarter und sensibler Charakter sein, um den Kontrast zu der ihm unterstellten zukünftigen Greueltat und sein inneres Ringen um eine tragfähige Identität möglichst stark zur Geltung zu bringen.
Der “Wächter des Elfenhains” wiederum verdankt seine Entstehung – untypisch für mich – sicherlich zur Hälfte meiner Frustration über die harsche Kritik meiner Probeleser am ursprünglichen Konzept des Romans, denn eigentlich wollte ich bereits seit meiner Kindheit einmal eine Geschichte über winzige, geflügelte Elfchen schreiben. Als ich meinen Probelesern diese Absicht kund tat, hagelte es entsetzte und schockierte Proteste (“Kleine geflügelte Elfchen? Das ist doch Kinderkram! Du musst über “richtige” Elfen schreiben, oder du kannst es gleich ganz lassen!”). Nachdem ich solcherart ein Weilchen weichgeklopft worden war, habe ich ich zähneknirschend ihren Wünschen gebeugt (vielleicht hatten sie ja wirklich recht, und winzige Elfen waren nur etwas für Kinderbücher), aber mein innerer Groll hat, glaube ich, dazu geführt, dass die Geschichte deutlich düsterer und blutrünstiger geworden ist, als ich es eigentlich vorgehabt hatte, und ich konnte mich – wie ich in der Rückschau zugeben muss – wohl nicht ganz des dezent rachsüchtigen Gedankens erwehren: “Ihr wollt richtige Elfen? Na gut, da habt ihr sie! Aber ob ihr damit glücklicher werdet als mit meinen kleinen geflügelten, werden wir sehen!” Dass der “Wächter des Elfenhains” überwiegend sehr positive Resonanz bei den Lesern gefunden hat, freut mich in Anbetracht seiner Entstehung natürlich umso mehr (aber natürlich werden wir alle niemals wissen, ob die Resonanz bei meiner Geschichte über die kleinen geflügelten Elfchen nicht noch viel positiver gewesen ware!). Wie steht es denn mit dir, Krisi? Bist du mehr bei der Meinung meiner Probeleser oder mehr bei meinen Däumelinchen-Elfen?
Also ich bin der Meinung, dass sich aus jeder Idee etwas Tolles entwickeln kann, egal ob es die Däumelinchen-Elfen sind oder die etwas blutrünstigeren. Ich habe "Wächter des Elfenhains" geradezu verschlungen und wirklich ins Herz geschlossen, aber ich denke, dass Du auch aus Deiner anfänglichen Idee einen tollen Roman hättest schreiben können. Ich finde, dass man immer offen sein sollte für die neuen Einfälle. Aber ich glaube auch, dass gerade die negativen Emotionen bei Dir dafür verantwortlich sind, dass "Wächter des Elfenhains" das geworden ist, was es heute ist: Großartig!

4. Hast Du einen Lieblingsautor oder ein Lieblingsbuch?
Ich habe schon ein paar Autoren, die ich sehr gerne lese, bin aber andererseits nicht so darauf ausgerichtet, dass ich sie als meine “Lieblingsautoren” bezeichnen würde. Das liegt, denke ich, daran, dass ich mir bereits vor vielen Jahren angewöhnt habe, Romane anderer Autoren sozusagen mit einem “wachen Blick” zu lesen, da man von fast allen Autoren etwas lernen kann. Autoren, von denen ich in dieser Hinsicht für mein eigenes Schreiben mehr profitiert habe als von anderen und von denen ich denke, dass sie ihre Sache insgesamt sehr gut machen, sind z.B. der Thriller-Autor Dean Koontz, der mich vor allem mit seinen frühen Romanen der 1980er und 1990er (die späteren sind m.E. bei Weitem nicht mehr so gut, worüber ich jetzt auch wieder einen Vortrag halten könnte, der aber, fürchte ich, den Rahmen dieses Interviews sprengen würde) sehr beeindruckt hat. Koontz’ Romane zeichnen sich durch einen hervorragenden konflikthaften Spannungsaufbau aus, der mit einem Minimum an Elementen das Höchstmaß an Wirkung erzielt. Keine seiner Geschichten ist wirklich originell, aber was ihre konflikthafte Konzeption angeht, sind sie straff wie eine Gitarrensaite. Was den Aspekt der konflikthaften Konzeption betrifft, habe ich auch die Romane David Feintuchs immer als vorbildhaft empfunden. Ich kenne keinen Autor, der so gute konflikthafte Dialoge schreibt wie Feintuch, und jeder, der etwas über Dialoge lernen möchte, sollte ihn unbedingt einmal lesen.
Äußerst interessant und lehrreich fand ich auch Dan Wells’ “Ich bin kein Serienkiller”-Romane um den 16jährigen John Cleaver, der in sich soziopathische Tendenzen entdeckt und energisch versucht, diese im Griff zu behalten. Mit der extremen Konzeption seiner Hauptfigur tanzt Dan Wells auf der Klinge, aber er meistert diesen Balance-Akt in meinen Augen bravourös. Mir bei der Lektüre seiner Romane zu überlegen, warum seine Figurenkonzeption tatsächlich funktioniert und einem der Protagonist trotz seiner soziopathischen Persönlichkeit sympathisch ist, war für mich sehr anregend.
Auf eine andere Weise extrem, aber gerade dadurch für mich ebenfalls lehrreich, sind die Romane Stephen Donaldsons um den Lepra-Kranken Thomas Covenant, der in eine magische Parallelwelt verschlagen wird. Auch wenn ich bei Weitem nicht mit allen Entscheidungen Donaldsons hinsichtlich seiner Figurenkonzeption einverstanden bin, beeindruckt mich doch bei seinen Romanen der intensive Fokus auf das Innenleben seiner Figuren. Seitenlang werden ihre Selbstzweifel und inneren Zwiegespräche bis ins qualvolle Detail zelebriert, und ich bewundere Donaldson für die Konsequenz, mit der er diese Nähe zu seinen Figuren in jeder Szene beibehält, auch wenn dadurch seine Romane nicht nur in meinen Augen deutlich umfangreicher werden, als dies von der eigentlichen Handlung her nötig wäre.
Ebenfalls ansprechen muss ich die bereits erwähnte C.J.Cherryh, bei der ich vor allem die Lektüre ihrer SF-Romane sehr genossen habe. Cherryh schafft es in meinen Augen auf eine sehr eindringliche Weise, die kulturellen und soziologischen Besonderheiten ihrer Alienrassen anschaulich und plausibel zu beschreiben, z.B. in ihrer hervorragenden “Die sterbenden Sonnen”-Trilogie. Für jeden SF-Autor (und Leser natürlich ebenso) sehr zu empfehlen! Außerdem darf ich nicht die “Drachenreiter von Pern”-Romane Anne McCaffreys vergessen, denen es – obwohl im Grunde Science Fiction-Geschichten – m.E. besser als jedem Fantasy-Roman gelingt, ein völlig eigenständiges “Drachen-Feeling” zu erzeugen. Jedem Autor, der sich mit dem Gedanken trägt, selbst einmal eine Drachengeschichte zu schreiben, bietet sich dort ein Füllhorn an interessanten und originellen Ideen, von denen er sich inspirieren lassen kann.

5. Wie schreibst Du (auf dem Computer, umgeben von Schokolade...)?
In der Regel schreibe ich kopfüber an einem Bungee-Seil hängend oder beim Stepptanzen, manchmal aber auch ganz normal auf meinem Laptop, den ich mir auf einem kleinen Klapp-Tischchen auf die Knie stelle, während ich gemütlich auf meinem Sofa liege, eine Kanne Earl-Grey-Tee neben mir (in dieser Hinsicht bin ich ganz bei Captain Picard von der Enterprise). Früher habe ich ausschließlich an meinem stationären Computer in meinem Büro geschrieben, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es mich zu sehr ablenkt, dabei ständig von meinen Schulbüchern und –Aktenordnern umgeben zu sein. Zwar bin ich auch sehr gerne Lehrerin, aber wenn ich mich meinen Geschichten widme, bin ich Autorin, und ich wollte, dass auch die Umgebung, in der ich schreibe, diesen Teil meiner Identität widerspiegelt. So sitze ich also stattdessen auf meinem Wohnzimmer-Sofa, und wenn ich meinen Blick hebe, schaue ich nicht auf Eibl-Eibesfeldts “Grundriss der vergleichenden Verhaltensforschung”, Kükenthals “Leitfaden für das zoologische Praktikum” oder Stryers “Biochemie”, sondern auf ein paar sehr coole Drachenposter, die ich mir an die Wände gehängt habe. Das finde ich beim Schreiben meiner Fantasy-Romane deutlich inspirierender!

6. Was ist das Verrückteste, das Du jemals gemacht hast?
Verrückt war sicherlich, darauf zu hoffen, dass ich mit der bizarren Quark-Diät, die ich vor Jahren mal ausprobiert habe, auch nur ein einziges Kilo abnehmen würde. Ansonsten bin ich eigentlich nicht der Typ für verrückte Sachen. Was in der Rückschau vermutlich mehr als nur ein wenig wahnwitzig war, war eine meiner Aktionen bei einem Teneriffa-Urlaub, als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war. An jenem besagten Tag hatte es kurz vorher in der Gegend ein Seebeben gegeben, und es herrschte ein extremer Wellengang mit tückischen Strömungen (und ein striktes Badeverbot). Klein-Susi hatte sich, vertieft ins Muscheln-Sammeln (das ich damals ausgiebig und mit Leidenschaft praktiziert habe), unbemerkt ein gutes Stück vom Rest der Familie entfernt und war den Strand entlanggeschlendert bis zu einer Stelle, wo es viele tolle Muscheln zu entdecken gab. Aus irgendeinem Grund hatte ich damals schmucke Plastik-Badelatschen an, die ich abgestreift hatte, als ich mich den Muscheln widmete. Plötzlich bemerkte ich, dass einer meiner Badeschlappen von den Brandungswellen erfasst und mit hinaus aufs Meer gezogen worden war, wo ich ihn in einiger Entfernung auf den Wogen tanzen sah. Mit dem entsetzten Aufschrei: “Mein BADELATSCHEN!” stürzte ich mich, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, in die Fluten (wie gesagt, ich war elf oder zwölf), wurde sofort von den Wellen erfasst und unter Wasser gedrückt, dort einige Meter von den Strömungen mitgezerrt, kämpfte mich wieder an die Oberfläche und paddelte wie ein Weltmeister, um zu verhindern, dass mein Plastikschlappen noch weiter hinaus auf den Ozean getrieben wurde. Und was soll ich sagen – ich habe es tatsächlich geschafft, ihn den gefräßigen Fluten zu entreißen und heil wieder zurück an Land zu kommen. Rückblickend und mit dem Verstand eines Erwachsenen muss ich allerdings selbstkritisch konstatieren, dass ich an diesem Tag sehr wohl hätte ertrinken können und einfach nur ein wahnsinniges Glück (oder einen verdammt wachsamen Schutzengel) hatte. Und als kluge Lebensweisheit kann ich jedem, der dieses Interview liest, mit auf den Weg geben, dass es sich nicht lohnt, für einen Plastikschlappen im Wert von zwei oder drei Euro den Helden zu spielen.

7. Wenn Du mit einer Person aus Deinen Romanen einen Tag verbringen könntest, welche wäre das?
Mhm, das ist aber eine schwierige Frage, da ich alle meine Hauptfiguren ins Herz geschlossen habe. Spontan würde ich allerdings sagen: Mit Dayin, vielleicht, weil er so viel für sich selbst gekämpft hat und so an diesem Kampf gewachsen ist, vielleicht auch, weil ich ihn – im Gegensatz zu den meisten anderen meiner Figuren – bereits seit seiner frühen Kindheit begleitet habe. Auch mit Danny, der Hauptfigur aus dem Gambler-Zyklus, würde ich gern mal ein Käffchen trinken, weil ich sehr neugierig wäre, seine kognitiv überlegenen Gambler-Fähigkeiten einmal lifehaftig in Aktion zu erleben und ihn mit seiner Persönlichkeit, die sehr stark von diesen biologischen Fähigkeiten geformt wurde, in einer realen Begegnung kennenzulernen. Ein Tag – oder zumindest ein paar Stunden – mit Verdell Abeffna, dem Leibwächter von Prinzessin Lilell aus der Gwailor-Chronik, wäre bestimmt auch sehr nett, weil ich in seiner ruhigen und entspannten Gegenwart nach einer stressigen Schulwoche wahrscheinlich hervorragend abschalten und wieder zu meiner eigenen Mitte finden könnte.
Was ich mir ganz witzig vorstelle, wäre, mal mit Rohn Lumaar ein Eis essen zu gehen, allerdings nicht, weil ich seinen Charme so umwerfend fände, sondern um zu schauen, wie lange es dauern würde, bis er mich mit seinen frauenfeindlichen Plattitüden auf die Palme brächte. Außerdem würde mich interessieren, ob die Stühle in der Eisdiele in seiner Gegenwart eine längere Lebensdauer hätten als die in seiner Burg. Wie ist es denn mit dir, Krisi? Du hast ja sowohl “Shai’lanhal” als auch den “Wächter des Elfenhains” und die Gwailor-Chronik gelesen. Mit welcher meiner Figuren würdest du denn mal ein Stündchen in der Eisdiele verbringen? Vielleicht mit Ogaire?
Oh, das ist so schwer! Ich persönlich würde auch mit Dayin ("Gwailor-Chronik") einen Tag verbringen wollen ;-). Er ist mir auch als erstes in den Sinn gekommen, aber auch Andion ("Wächter des Elfenhains") wäre einer meiner Favoriten, sein Charakter hat mich am meisten fasziniert und ich glaube, wir hätten sehr viel Spaß und vieelllee Gesprächsthemen. *hihi* 

8. Hast Du einen Lieblingsort und wenn ja, hat er Dich für Deine Büchern inspiriert?
Du meinst, außer meinem Sofa? Mhm. Da muss ich überlegen. Im Grunde ist jeder Ort, an dem ich nicht von permanentem Hundegebell, Presslufthämmern oder röhrenden Rasenmähern gestört werde, mein Lieblingsort. Ansonsten habe ich eigentlich keine besonderen Vorlieben, was die Orte angeht, an denen ich mich wohlfühle. Das Schöne an der heutigen Mediengesellschaft ist ja, dass man nicht unbedingt jeden Ort, den es auf der Welt gibt, selbst besuchen muss, um sich davon inspirieren lassen zu können. Ich schaue z.B. oft N24-Reportagen über wissenschaftliche Phänomene und habe auf diese Weise mittlerweile nicht nur das komplette Sonnensystem und die eine oder andere ferne Galaxis mit diversen Exoplaneten kennengelernt, sondern auch eine Menge faszinierender Orte auf unserer – trotz aller Umweltverschmutzung – immer noch recht hübschen Erde, an denen ich real-körperlich wohl niemals herumschlendern werde. Das sind enorm viele geographische, klimatische und auch soziale Eindrücke von fremden Kulturen, die ich sowohl für meine Fantasy- als auch für meine SF-Romane nutzen kann. Insofern kann ich sagen, dass sich für meine Arbeit als Autorin das geschriebene Wort und das visuelle Medium Fernsehen nicht im Geringsten gegenseitig stören oder einander ausschließen, und ich bin froh, nicht ständig selbst durch die Welt jetten zu müssen, um geographische Inspirationen für meine Geschichten zu bekommen.

9. Was würdest Du tun, wenn Du eine Million Euro zur freien Verfügung hättest?
Als Langeweiler vor dem Herrn würde ich das Geld vermutlich verwenden, um mir irgendwo an der Küste ein kleines Häuschen zu kaufen, vielleicht in Cornwall oder so, und ansonsten mein Leben weiterleben wie zuvor. Was natürlich ebenso nett wäre – und worauf ich wohl leider vergeblich hoffen würde, wenn ich es nicht selbst in die Hand nähme – wäre eine aufwendige Verfilmung eines meiner Romane (für die allerdings eine Million Euro auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre). Möglicherweise würde die Million aber reichen, um einen Anime zu “Shai’lanhal” zu produzieren, was ich SEHR reizvoll fände, da wie gesagt diese Geschichte in ihrem Kern ohnehin auf ein klassisches Anime- und Manga-Motiv zurückgeht und ich mir einige Szenen beim Schreiben (z.B. den Endkampf) tatsächlich weniger mit realen Figuren denn als Anime-Sequenzen vorgestellt habe. Ansonsten könnte ich vielleicht mit meiner Million eine Expedition finanzieren, die herausfinden soll, ob es die King Kong-Insel tatsächlich gibt, und – wenn sie wirklich fündig werden sollte – auf der Insel einen coolen Vergnügungspark mit den ganzen einheimischen Dinos bauen (und wenn ICH der Boss von dem Ganzen wäre, würde es bestimmt gut gehen!).

10. Nun zum Endspurt... Welches Buch, das es schon gibt, hättest Du gern geschrieben und warum?
Definitiv die “Drachenreiter von Pern”-Romane Anne McCaffreys, weil die empathische Verbundenheit zwischen Mensch und Drache darin so gut dargestellt wird, dass ich gern die Erste gewesen wäre, die darüber schreibt. Die Idee ist klasse, die Geschichten dazu ebenso, und alles, was andere Autoren nach McCaffreys Drachenreiter-Romanen noch zu diesem Thema geschrieben haben (und weiterhin schreiben), muss sich in meinen Augen an ihrer Darstellung messen lassen. Vielleicht auch noch die Harry Potter-Bücher, weil ich dann so viel Kohle hätte, dass selbst Onkel Dagobert neidisch auf mich wäre, und außerdem jede meiner Geschichten mit einem riesigen Aufwand verfilmt werden würde. Moby Dick hätte ich durchaus auch gern geschrieben, weil mich die selbstzerstörerische Obsession Kapitän Ahabs immer schon fasziniert hat und ich es spannend gefunden hätte, diesen innerlich zerrissenen Charakter selbst zu beschreiben.


Einige Infos zu Susanne Gavénis

Susanne Gavénis wurde am 30.10.1970 in Celle geboren. Nach dem Studium und Referendariat widmete sie sich zehn Jahre lang beinahe ausschließlich der Schriftstellerei, bevor sie 2008 in ihren gelernten Beruf zurückkehrte. Seitdem unterrichtet sie die Fächer Biologie und Chemie an einem Gymnasium in der Nähe von Frankfurt/M. "Wächter des Elfenhains" ist ihre dritte Veröffentlichung nach dem Gambler-Zyklus (Science Fiction, 2012) und "Shaans Bürde" (Fantasy, 2008). (Quelle:Amazon)
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Susannes Romane

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